Materialien zur Hilfeplanung mit MigratInnen


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Materialien zur Hilfeplanung mit MigratInnen:

Beispiele zur Veranschaulichung möglicher Stolpersteine und Missverständnisse

I   Drei Rollenspiele
II  Ein Fallbeispiel
III  Stolpersteine

 

I        Drei Rollenspiele

Rollenspiel 1

Ein Mann mit Migrationshintergrund, mit geringerem Sprachkenntnisse, geht, begleitet von seiner etwa 13-jährigen Tochter, zum Infogespräch der Eingliederungshilfe. Seine Diagnose (Schizophrenie) ist ihm bekannt, aber was das bedeutet, weiß er nicht so genau.

Das Gespräch findet im Amt der Eingliederungshilfe statt.

Kommentatorin:

Beteiligte Personen: Der Mann, Herr Öztürk

                                  seine Tochter, Belgin

           Hilfeplanerin, Fr. Meier

           Herr Öztürks Gedanken – Kommentar      

Die Gespräche zwischen Vater und Tochter finden in der Muttersprache statt. Wegen der besseren Verständlichkeit denkt Herr Öztürks heute ausnahmsweise  in Deutsch.

Der Mann und seine Tochter gehen rein.

Fr. Meier: Guten Tag, Herr Öztürk, bitte kommen Sie rein.

Hr. Öztürk: Guten Tag

Fr. Meier: Schön, dass Sie daran gedacht haben und  jemanden zum Übersetzen mitgebracht haben.

Hr. Öztürk: Ja, meine 13 jährige Tochter Belgin.

Fr. Meier: Spricht ihre Tochter gut Deutsch?

Hr. Öztürk: Ja, gut Deutsch.

Fr. Meier: Prima, dann bleibt es alles in der Familie.

Der Mann wird unsicher, aufgeregt, irritiert und stottert

Fr. Meier: Was führt sie hierher, Hr. Öztürk?

Hr. Öztürk:  Mein Arzt sagen, ich hier kommen für Hilfe

Fr. Meier: Ok, wobei brauchen  Sie Hilfe?

Vater schaut seine Tochter an:

Hr. Öztürk: „wobei“ oda ne demek?.

Belgin: Yani nasıl bir yardım istiyorsun diyor

Hr. Öztürk: Ich nicht gut schlafen vielleicht 1Std oder 2 Std.

Gedanken von Hr. Özt.: Eigentlich habe ich Angst vom Einschlafen, aber das kann ich ihr nicht sagen.

Hr. Öztürk: Mein Kopf schwer und laut

Gedanken von Hr. Özt.: böse und gemeine Stimmen in meinem Kopf, die mich beschimpfen oder mir was böses flüstern, die lassen mich nicht in Ruhe, ich weiß nicht, was ich machen soll. 

Hr. Öztürk: Ich immer zu Hause, nicht draußen gehen

Gedanken von Hr. Özt.: Sobald ich draußen bin, sehe ich ihn schon. Er verfolgt mich und ich habe Angst vor ihm)

Fr. Meier: Herr Öztürk, haben Sie eine Diagnose?

Vater schaut erneut seine Tochter an und fragt sie

Herr Öztürk: „Diagnose“ ne demek?

Belgin: Bende tam anlamadım.

Schaut die Hilfeplanerin an und fragt:

Belgin: Entschuldigen Sie, was meinen sie damit?

Fr. Meier: Welche Krankheit hat Herr Öztürk, weißt er, wie seine Krankheit heißt?

Belgin: Hastalığının adını soruyor.

Gedanken von Hr. Özt.: der Doktor sagt, Schizophrenie aber was heißt das. So was kann ich nicht vor meiner Tochter sagen. Was soll sie denn von mir denken. Dann bekommt sie Angst oder denkt, dass ich verrückt bin. Was sage ich denn nun?

Herr Öztürk: Ich glauben Depression.

Fr. Meier: Herr Öztürk  haben Sie evtl. ärztliche Unterlagen dabei?

Mann schaut kurz seine Tochter an.

Herr Öztürk: Ne soruyor kızım?

Belgin: Doktor dan kâğıt getirdiniz mi diyor

Hr. Öztürk: Nein

Fr. Meier: Das ist nicht schlimm, sie können diese später nachreichen.

Belgin: sonrada versek olurmuş

Fr. Meier: Jetzt würde ich Sie gerne über die Angebote der Eingliederungshilfe informieren.

Er schaut erneut seine Tochter an

Hr. Öztürk: Ne dedi kızım, ne yardımıymış anlamadım.

Die Tochter zuckt mit den Schultern und antwortet

Belgin: Ben de bilmiyorum valla.

Entschuldigung, können sie vielleicht noch mal wiederholen, was ist …?

Fr. Meier: Eingliederungshilfe… EH ist eine Leistung, die Ihnen trotz ihrer Behinderung das Teilnehmen an der Gesellschaft ermöglicht.

Sobald der Mann das Wort „Behinderung“ hört, verkrampft er sich sichtlich und nimmt eine abwehrende Körperhaltung ein.

Hr. Öztürk: Behinderung? Ich nicht behindert! Çoluk çocuğun önünde söyledinen şeye bak Und so was vor meiner Tochter! Bana resmen hakaret ediyor.

Fr. Meier: Einen Moment bitte, lassen Sie mich mal erklären. Das heißt, Sie sollen soweit wie möglich genau das machen können, was andere Menschen auch tun.

Herr Öztürk steht auf und will gehen. Fr. Meier ist irritiert und kann das Geschehen nicht nachvollziehen.

Herr Öztürk: Yürü kızım yürü… Biz yanlış yere gelmişiz

Nach Abgang Hr. Öztürk.

Fr. Meier: Ich verstehe nicht, warum er so reagiert hat. Ich war freundlich, das Gespräch lief gut und ich wollte gerade ihn über die Angebote der Eingliederungshilfe informieren.

Schlussworte:

Belgin: Ich bin ein 13jähriges Kind. Auch wenn ich gut Deutsch sprechen kann, bin ich keine professionelle Dolmetscherin. Es war für mich sehr unangenehm heute, hier, an diesem Gespräch dabei zu sein.

Herr Öztürk: Ich war sehr empört darüber, dass ich als ein behinderter Mensch dargestellt wurde. Ich bin nicht behindert. Im Beisein meiner Tochter war die Situation noch unerträglicher und peinlicher.

 

Rollenspiel 2

Darstellung: Missverständnisse / Schwierigkeiten bei der wortwörtlichen Übersetzung in die Muttersprache

Person: Frau Petrova, eine Frau mit Migrationshintergrund und mit geringen Deutschkenntnissen. Zum Gespräch hat sie ihre Freundin Olga zur moralischen und auch sprachlichen Unterstützung mitgebracht.

Situation: Hilfeplangespräch (Info + Bedarfsermittlung sind schon gelaufen)

Es geht um die konkrete Maßnahme: Ambulant Betreutes Wohnen

Die Szene beginnt mitten im Gespräch.

(Die Gespräche zwischen Frau Petrova und Olga finden in ihrer Muttersprache statt.)

Frau Meyer: Ja, Frau Petrova nach unseren bisherigen Gesprächen denke ich, dass das Ambulant Betreute Wohnen eine passende Maßnahme für Sie wäre.

Die Frau guckt bisschen verwirrt zu ihrer Freundin.

Olga: Verstanden? (auf russisch)

Fr. Petrova: Nicht alles, was ist Ambulant Betreutes Wohnen!?. (auf russisch)

Olga: Ich weiß auch nicht so genau, aber ich glaube, da kommt jemand zu dir nach Hause, um dich zu pflegen. (auf russisch)

Frau Petrova: Was!!!? zu mir nach Hause, um mich zu pflegen. Ich bin doch nicht bettlägerig, ich kann mich um mich selber sorgen. Ich brauche doch Hilfe bei den Behörden, du weißt doch, was für Angst ich immer habe, wenn ich dahin muss. Oder wenn ich Briefe von den bekomme, das ist auch schrecklich für mich. Dann kommen all die schrecklichen Erinnerungen wieder hoch. (auf russisch)

Sprecherin: Frau Meyer merkt, dass Frau Petrova immer aufgeregter wird und fragt:

Frau Meyer : Gibt es ein Problem?

Olga: Ja, wir haben uns darüber unterhalten, dass diese Hilfe vielleicht nicht die richtige für Fr. Petrova ist. Sie ist nicht pflegebedürftig. Warum soll jemand zu ihr nach Hause kommen?

Frau Petrova: Ja, ich brauche kein Person, das mir nach Hause kommt und mich pflegen. Ich bin nix behindert. Sie sehen, ich gehen kann. Mein Haushalt ich auch selber machen. Ich habe immer nur wenig Kraft, aber ich kriegen das hin. Ich brauchen nix Hilfe in meiner Wohnung.

Frau Meyer (HP): Fr. Petrova hat mich glaube ich falsch verstanden. Ambulant Betreutes Wohnen heißt nicht, dass sie zu Hause gepflegt werden. Sondern sie eine Person zur Unterstützung bekommen. Diese Person wird Ihnen helfen die Sachen zu erledigen, die sie durch ihre Krankheit nicht selber erledigen können. Und um solche Unterstützung zu bekommen, müssen sie ja nicht unbedingt in die Klinik oder irgendwo stationär aufgenommen werden. Sie bleiben in ihrer Wohnung. Deshalb heißt die Maßnahme ABW.

Fr. Petrova schaut fragend ihre Freundin an.

Sprecherin: Frau Petrova hat vieles von diesen Erklärungen nicht verstanden, hat aber das Wort „Klinik“ rausgehört und ist nun total verängstigt.

Frau Petrova: Was redet sie von Klinik. Ich muss nicht in die Klinik, was soll das jetzt auf einmal? (auf russisch)

Olga (zu Frau Petrova): Warte, warte, es geht nicht darum, dass du in die Klinik sollst. Sondern, dass jemand zu dir nach Hause kommt und dir bei Sachen hilft, die du nicht alleine erledigen kannst. (auf russisch)

und dann zu Frau Meyer (HP): Bitte sprechen Sie nicht so schnell, Frau Petrova kann Sie sonst gar nicht verstehen. Wenn es möglich ist, bitte ich Sie auch keine komplizierten Fachwörter zu benutzen. Frau Petrova kennt zwar schon viele Wörter, aber die Fachwörter versteht sie noch nicht.

Frau Meyer (HP): Das werde ich versuchen. Können Sie Frau Petrova noch mal erklären, was ich gerade sagte?

Olga: Gut, ich versuche es.

Sprecherin: An dieser Stelle beenden wir unsere Szene

Abschlusskommentare:

Frau Petrova: In meinem Herkunftsland gibt es kein ambulant Betreutes Wohnen. „Betreuen“ bedeutet bei uns soviel wie „pflegen“.

Olga: Die Hilfeplanerin hat fast nur mit mir gesprochen und das viel zu schnell, als das meine Freundin das hätte verstehen können.

 

Rollenspiel 3

Kommentatorin :

Eine alleinstehende Frau mit 2 Kindern mit sehr geringen Sprachkenntnissen suchte in einer psychosozialen Einrichtung Hilfe. Daraufhin begleitet eine  Mitarbeiterin der Einrichtung die Frau zu einem Erstgespräch beim Sozialpsychiatrischen Dienst.

Beteiligte Personen:  Hilfesuchende Frau Sömnez, Mitarbeitern der Einrichtung Frau Tat und Hilfeplanerin Frau  Meier.

Gespräche zwischen Frau Sömnez  und der begleitenden Mitarbeiterin Frau Tat finden in der Muttersprache statt.

Frau Meier : Bittet die Frau mit der Mitarbeiterin ins Zimmer.

Sie  stellt  sich kurz vor und fragt, ob Frau Sömnez alles versteht.

Frau Sömnez :   nicht viel, ich wenig sprechen.

Frau Meier: Dann kann Frau Tat ja für Sie übersetzen!

Frau Sömnez : ok!

Frau Meier :  Kennen Sie Frau Tat schon länger?

Frau Sömnez : hayir!  Ben cok kötü ve zor  bir durumdayim, komsularim bayan Tat `a git o sana yardim eder dediler  bende gitdim, ondan yardim istedim.

Frau Tat übersetzt

Frau Meier :  Mögen Sie kurz über ihre schwierige Situation berichten?

Frau Sömnez : ben uzun zamandir hastayim. Geceleri hic uyuyamiyorum, korkularim cok,. Cabuk sinirleniyorum, sonra cocukari dövüyorum.

Frau Tat übersetzt

( Frau Sömnez fängt an zu weinen)

Frau Sömnez : sonra cok üzülüyorum, ama ne yapacagimi bilmiyorum. ARGe beni kusa yolladi benim gitdigim grupda herkez süper okuma yazma biliyor . ama ben hic okuma yazma bilmiyorum. Gidince hic birsey anlamiyorum. Bütün gün orda sadece oturuyorum. Icten ice sinirleniyorum  kimse beni anlamiyor! ARGE ye anlatmak istedim , ama hep aynisini diyorlar , beni illa kursa yolluyorlar, gitmezsem parami kesiyorlar!

Frau Meier :  Sind Sie in ärztlicher Behandlung?

Frau Tat übersetzt

Frau Sömnez : Dr.Schulze  gidiyordum, , o bana zaten su an dil ögrenemezsin dedi! Ama fazla gidemiyorum cünlü ben anlamiyorum, hep birisini dolmetcerlige götürmem lazim,  ben de kimi götüiym, gelenler hep sonra baskalarina anlatiyor.

( Frau Sömnez  gibt  Frau Meier eine ärztliche Stellungnahme .)

Frau Meier.: hier steht, dass sie aufgrund einer schweren Depression nicht lernfähig sind!

Ok,  ich lass das erst mal dahingestellt!  Frau Sömnez um hier leben zu können  ist es  aber sehr wichtig, dass sie die deutsche Sprache können! Gibt es denn keinen geeigneten Kurs für Sie? Oder  können Sie nicht  andere Institutionen fragen, ob diese Dolmetscher für sie zu Verfügung stellen.

Frau Sömnez: ich weiß nicht? Ich brauchen Hilfe, ich viel Krank!

Frau Meier:  ich sehe, dass Sie Hilfe brauchen!

 Frau Meier   ( dreht sich zu Frau Tat und redet weiter zu ihr ) Ich sehe, dass Frau Sömnez viel Hilfe braucht, aber es ist die Frage, ob das alles eine ambulante Betreuung leisten kann.

Frau Tat: was heißt das?

Frau Meier : Ich werde das hier im Team besprechen und werde mich dann bei Ihnen melden.

Können Sie das bitte Frau Sömnez so übersetzen!

Frau Tat: ok!

Frau Meier: ich wünsche Ihnen alles Gute, auf Wiedersehen …

Frau Sömnez :

Warum hat sie nicht gesehen, wie krank ich bin!  Warum wollen alle nur, dass ich zum Deutschkurs gehen soll ?

Frau Tat :

Natürlich ist Sprache sehr wichtig, aber in vielen Fällen verhindert die psychische Erkrankung eine neue Sprache zu erlernen.

 

II     Ein Fallbeispiel

Frau G.A. leidet unter Angststörungen, Zwängen und Posttraumatische Belastungs-störung. Sie lebt seit ca. 15 Jahren mit Ihren 3 Kindern alleine in Deutschland. Der Ehemann wurde vor ca. 15 Jahren zwangsausgewiesen. Frau A. war ohne Deutschkenntnisse mit Ihrer Krankheit, den drei Kindern und den Anforderungen der deut­schen Behörden einfach überfordert. Der Wunsch nach einer „normalen Familie“ war durch die Ausreise des Ehemannes  nicht mehr erfüllbar. Frau A. wusste selber nicht wie und wo es  Hilfen  für Sie und ihre drei Kinder  geben könnte. Sie war verzweifelt und fand als einzige Lösung einen Suizidversuch. Über die Klinik für Psychiatrie wurde Frau A. an eine sozialpsychiatrische Einrichtung weitergeleitet. Es wurde eine ambulante Betreuung beantragt.

Ziele der Betreuung waren:

Stabilisierung des psychischen Zustandes.

– Anbindung an soziale Gruppen, geeigneten Sprachkurs, Migrationssozialbera­

tungsstellen

– Unterstützung und Begleitung bei Behörden, Ärzten, Einkäufen, Erstkontakten….

– Unterstützung bei der Klärung der Einreise des Ehemannes mit der Ausländerbe­hörde

– Unterstützung beim Kontaktieren des Jugendamtes für weitere Hilfen für die Kinder

– Unterstützung bei der Klärung des eigenen Aufenthaltes, Unterstützung beim Auf­

suchen von Fachanwälten.

– Unterstützung bei der Suche nach muttersprachlichen Psychotherapeuten und

Fachärzten.

Im ersten Betreuungsjahr wurde die Hilfe mit bis monatlich 25 Fachleistungsstunden bewilligt. Im ersten und zweiten Halbjahr wurde mit Hilfe der Bezugsbetreuerin An­bindungen an sämtlich Fachärzte und die Anbindung an die Institutsambulanz Elms­horn hergestellt. Frau A. hatte zwei Koffer voller Briefe und Schreiben von sämtlichen Stellen, die einzeln durchgeschaut werden mussten. Auch die Klärung der bisher entstandenen Schulden waren in der ersten Zeit sehr wichtig.

Es haben regelmäßig wöchentlich stützende Gespräche stattgefunden. Das Erlernen der Sprache war in der ersten Zeit nicht möglich, Frau A. fiel bei Kontakten zu Be­hörden und Ämtern immer in alte Verhaltensmuster. Besonders der intensive Kontakt zu der Ausländerbehörde und den Rechtsanwälten, in der es um die Einreise des Ehemannes und die Klärung des eigenen Aufenthaltes ging, führte zur Verschlechterung des psychischen Zustandes.

Nach ca. zwei Jahren konnte der Ehemann wieder einreisen. Dies war für Frau A. eine große Erleichterung.
Frau A. hat in der Betreuung gelernt, Vorsorgetermine für sich und ihre drei Kinder  regelmäßig wahrzunehmen. Sie hat gelernt, die eigene Gesundheit wahrzunehmen, ganz besonders auf die eigene psychische Stabilität zu achten und bei Krisen sich Unterstützung zu holen. Bisher nahm Sie an drei verschiedenen Alphabetisierungs­kursen der Volkshochschule Pinneberg teil. Die sprachliche Entwicklung und das Lesen und Schreiben hat sich deutlich verbessert, Behördengänge nimmt Sie mit Vor- und Nachbesprechung selbständig wahr. Frau A. hat die Kontaktdaten von einer türkischsprachigen Therapeutin, die Sie selbständig kontaktiert, um einen Therapieplatz zu bekommen. Sie ist mittlerweile in der Lage öffentliche Verkehrsmittel, auch außerhalb des Kreises, zu nutzen. Ihr Ziel ist jetzt einen Führerschein zu machen. Es gab mehrfach Kontakte zum Jugendamt. Die Familie wird voraussichtlich eine Hilfe über das Jugendamt für die Kinder bekommen.

Nach einer langwierigen und intensiven ambulanten Betreuung wurde mit Frau A. besprochen, dass die ambulante Betreuung reduziert und bald beendet werden kann.

 
III: Stolpersteine

1. ● Eingliederungshilfe ( EH) als Hilfemöglichkeit ist für viele völlig unbekannt, da keine ähnlichen Angebote im Herkunftsland existieren. Deshalb reagieren viele zunächst distanziert, bis die EH-Maßnahmen anhand von Beispielen konkret gemacht werden.

Es gibt keine Aufklärungsmöglichkeiten oder Informationen über Unterstützungsangebote für Menschen mit Migrationshintergrund.
Nur durch sehr wenige Beratungsstellen oder Mund zu Mund Propaganda kommen die Menschen zu den bestimmten Beratungsstellen. Neutrale und qualifizierte Dolmetscher werden selten eingesetzt.

Herr B. hat lange Zeit Infos über Ambulant Betreutes Wohnen (AB) gesammelt, ständig Fragen gestellt (Was bringt
mir das? Wie kann konkret AB helfen? Wie teuer ist das?) usw. Viele Gespräche hat er im Bekanntenkreis über AB.
geführt. Bei der Antragstellung zeigt er eine ängstliche Haltung wegen Offenlegung der Kontoauszüge und bezüglich der Unterschriftenleistung.

2 Klienten mit psychischen Erkrankungen brauchen AB. Aber die Familienmitglieder verstehen die Gesundung anders, weil der behandelnde Psychiater meinte, dass sie nur Medikamente nehmen müssten und zu Hause bleiben könnten. „Also Gespräche bringen sowieso nichts“ ist die familiäre Schlussfolgerung.

Distanzierte bis abweisende Grundhaltung: Eine Betreute aus Russland fühlte sich zunächst von mir als Sozialarbeiterin kontrolliert, da sie das nicht einordnen konnte. Sie dachte ich käme von der Behörde. Zeitweise dachte sie ich käme vom KGB- (natürlich auch krankheitsbedingt).

2. ● Menschen mit Migrationshintergrund fällt es oftmals sehr schwer, die Problembereiche/Schwierigkeiten, insbesondere im Hinblick auf die Erkrankung konkret zu benennen.

Frau T. hatte vorher eine nur deutschsprachige pädagogische Begleitung, wegen geringer Sprachkenntnisse der Klientin erfolgreicher Wechsel zu russischsprachiger päd. Betreuerin.

Schamgefühle spielen eine große Rolle: keiner darf wissen, dass ich krank bin, andere dürfen uns nicht zusammen sehen usw.

Am Anfang der AB braucht es mehr Zeit um Vertrauen aufzubauen und die Papiere in Ordnung zu bringen.

Bei einem Hilfeplangespräch mit Frau F.Y. wurde sie danach gefragt, welche Ziele für die Hilfe angesetzt werden sollten.
Frau F.Y. fiel es sehr schwer, diese zu bennen, obwohl ihr die Frage ins türkische übersetzt wurde. Sie wiederholte nur, dass sie Hilfe benötigt, konnte aber keine konkreten Ziele bennen.

Frau A.K. deren Ehemann zuvor ambulante Hilfe bekommen hatte, wünschte sich zwar Hilfe, konnte aber nicht genau benennen, in welchen Bereichen sie genau Hilfe benötigt. Sie konnte nur sagen, welche Probleme bei ihr auftreten
(körperliche, psychische etc.) und dass sie in diesen Punkten Hilfe benötigt.

3. ● MigrantInnen können oftmals nur begrenzt bis gar nicht die benötigte Hilfe benennen, z.B. was sie mit Hilfe der Eingliederungshilfe (EH) erreichen möchten. Dies hat je nach Zielgruppe unterschiedliche Gründe.

Türkischen oder Kurdischen Klienten müssen die besprochenen Ziele hinterher immer wieder in einfachen Worten erklärt werden (immer wieder), Hilfeplaner sprechen sehr schnell und zu kompliziert.
Es werden auch unangemessene Fragen gestellt! Kultureller Hintergrund oder Glaube, Familie ….
Was für viele Migranten eine große Bedeutung hat, wird in HP kaum in die Ziele mit eingebunden.

Was ist EH? -> ich habe erlebt, dass es hier seitens der Migranten häufig Missverständnisse gab.

Häufig wurde von Angehörigen, (auch von Klienten selbst) erwartet, dass die Mitarbeiterin aktiv den Klienten verändert.

So wurde in einer russischsprachigen Familie von mir als AB-Mitarbeiterin erwartet, dass ich den Betroffenen „heil mache“,
oder ihn aus der Familie herausnehme.

In einer anderen russischen Familie erwartete die Mutter, dass ich (als Professionelle) den erkrankten Sohn unauffällig und heiratsfähig mache.

Ein polnischer Suchterkrankter, bat ihm einen Arzt zu nennen, der ihm eine Tablette unter der Haut implantiert, die bewirkt, dass es dem Betroffenen bei Alkoholaufnahme schlecht geht und er aufgrund dessen nicht mehr trinkt.
(Dies wird in Osteuropa wohl tatsächlich vereinzelt praktiziert, ist aber nicht unumstritten, da es lebensgefährlich sein kann).
Der Klient wollte der Auseinandersetzung mit der eigenen Problematik aus dem Weg gehen.

4. ● Fachbegriffe und Formulierungen sind für MigrantInnen z.T. nur sehr schwer zu verstehen.

Fachbegriffe werden von der Sozialpädagogischen Mitarbeiterin oftmals erklärt und wiederholt Hilfeplangespräche auf Deutsch größere Runde mit 5 und mehr Beteiligten / die Klientin wird wegen Unverständnis immer aggressiver.
VertreterIn des Jugendamtes spricht von „wir“ und meint; die Institution Jugendamt. Klient glaubt, dass die Jugendamtsvertreterin werden seiner Familie zuhause helfen. Begriffe wie „Beziehung der Familienmitglieder untereinander“, oder „Rolle in der Familie als Vater“ sind nicht verständlich/. Fachspezifische Wortwahl

Trotz der Übersetzung in ihrer Muttersprache, war es z.B. für Frau A.K., eine ältere türkische Frau, nur sehr schwer zu verstehen,
was die Behörde mit ihren Fragen beabsichtigte und welche Bedeutung dies für die Hilfe hat. Sie wusste nur, dass es ihr psychisch nicht gut geht, konnte dies aber nicht mit den Fachbegriffen in Verbindung bringen.

5. ● Es gibt wiederholt Rückmeldungen, dass der Zugang zu solchen Hilfen, wenn man sie erst kennengelernt hat, als kompliziert erlebt wird .

Wegen unsicherem Aufenthaltstatus (Asyl) wusste der SpD nicht wer die Kosten übernimmt.
Nötig war eine Vielzahl von Telefonaten mit dem Sozialamt. Wiederholung des Erstgesprächs, fast ein Jahr Wartezeit auf die Kostenzusage.
Zugang zu Psychotherapie erschwert durch zu wenig wohnortnahe muttersprachliche Therapeuten, hier noch längerer Wartezeiten als sonst üblich. Keine adäquate Unterstützung seitens der Hilfeplaner bei der Therapeutensuche bzw. bei einer adäquaten sozialpädagogischen Begleitung (Eingliederungshilfe)/ Therapie mit Dolmetscher / Durch Sprachbarrieren unnötige Verzögerungen und Wartezeiten/ z.B. Verbleib auf einer Klinikstation ohne sprachkompetente Begleitung.

Frau B. hatte Angst vorm Jugendamt und fragte, ob der SpD ihr Kind wegnehmen könnte.

Einige Klientinnen hatten Schwierigkeiten damit zu verstehen, wieso zunächst verschiedene Formulare ausgefüllt werden müssen und wieso es so lange dauert, bis es zu einem Gespräch mit der Behörde kommt.

Menschen mit Migrationshintergrund wollen keine psychiatrische Begutachtung bzw. Kontrolle durch den Arzt des SpD.
Sie denken, dass sie durch Behörden als Kranke gestempelt werden und dann auch andere Behörden und Institutionen informiert werden, wie z.B. Jobcenter, Arbeitgeber etc.

Eine Klientin wollte keine ärztliche Untersuchung im SpD, weil sie Angst hatte, das ihr Kind, das vom Jugendamt zum Schutz fremd untergebracht worden ist nicht mehr sehen könnte.

6. ● Zielgruppenspezifische Aspekte, die eine kultursensitive Vorgehensweise erfordern.

Starke Familienbindung – alle Verwandten und Bekannten rufen mich an und fragen, wie die Situation zu Hause ist (das kostet viel Zeit).

Das Ziel Fremdunterbringung – kaum möglich wegen starker Mutter-Tochter-Symbiose, die kranke Tochter musste bei der Mutter bleiben. Für eine russische alte Frau, kommt es nicht in Frage ins Altersheim zu gehen.

Keine Interkulturelle Sensibilität über die Rolle von Mann und Frau bei Migranten:
Eine junge Türkin mit Missbraucherfahrung muss beim Erstgespräch einem Mann über ihre Erkrankungen und Schwierigkeiten erzählen. Was zur Folge hat, dass sie gar nichts erzählt oder die Hilfe ablehnt.

Es wird auch nicht deutlich gesagt, dass nicht es die Hilfeplaner selbst die Unterstützung leisten werden, sondern dass es externe Einrichtungen sind, die die Hilfe leisten werden.

Die Klienten mit Migrationshintergrund und ihre Umgebung sind sehr ungeduldig bei der Lösung der allgemeinen Probleme.
Sie erwarten von uns bzw. vom Hilfeplan schnelle Lösungen, wenn es nicht kurzfristig klappt, sind sie enttäuscht.

Der Betreuer soll sich mit Klienten mit Migrationshintergrund vor der Hilfeplankonferenz (1 Tag vor) treffen, über Ablauf und Inhalte
zu informieren und die Gefahr von Missverständnissen zu verringern.

Kulturbedingte Ablehnung/Nichtübereinstimmung von Zielen. Beispiel: „Verselbständigung“ – Ziel wird vom Jugendamt formuliert und von der Familie verstanden. Vater lehnt dies jedoch entschieden ab, da in der Heimatkultur eine Verselbständigung
in unserem Sinne selbst für verheiratete Kinder absolut unerwünscht ist.

7. ● Es gibt sprachliche und soziokulturell bedingt Missverständnisse auf Seiten der MigrantInnen.

Beispiel: Eine junge Kurdin, 30 Jahre alt, mit psychischer Erkrankung, die längerer Zeit in der Psychiatrie eine stationäre Behandlung erfuhr (ohne Verständigung!) Es kam ab und an eine Bekannte, die für das Krankenhaus übersetzt hat.
Die junge Frau bekam eine Einladung zur Begutachtung vom Sozialpyschiatrischen Dienst. Die Frau wusste überhaupt nicht worum es ging! Es hat sich Niemand um die sprachliche Verständigung der Frau gekümmert.
Mit großer Schwierigkeit kam sie durch Unterstützung anderer an. Der begutachtende Arzt fragte Sie nicht einmal, ob sie ihn verstehen kann, sondern fing sofort an die Begleitung als Dolmetscher zu nutzen.
Die Frau hatte Glück, denn eine Mitarbeiterin der sozialpädagogischen Einrichtung hatte sie ehrenamtlich begleitet!
Es kommt immer wieder vor, dass Betroffene Migranten Bekannte oder Freunde als Begleitung mitnehmen, die durch die Hilfeplaner wie „professionelle Dolmetscher“ eingesetzt werden, ohne dass sie vorher aufgeklärt oder überhaupt vorher gefragt werden. Es werden viele Informationen über die Betroffenen preisgegeben, was sie in Gegenwart dieser Bekannten hätten nie erzählen wollen.

Eine junge Türkin kam durch Eheschließung nach Deutschland. Aufgrund der Trennung bestand kein Kontakt zu der eigenen Familie in der Türkei. Sie wurde vom Gutachter mit dem Vorschlag konfrontiert, dass sie eigentlich wieder in ihre Heimat zurückkehren solle, dass es ihr dort bestimmt besser ginge, sie solle sich das einfach überlegen.
Die Betroffene hat in dem Moment wirklich gedacht, dass dieser „Behördenmitarbeiter“ sie abschieben kann.
Es hat lange gedauert, dieser Frau zu vermitteln, dass diese Stelle sie nicht abschieben kann.

8. ● Es gibt sprachliche und soziokulturell bedingte Missverständnisse auf Seiten der GutachterInnen und HilfeplanerInnen.

Konfrontation durch Hilfeplaner: schwierige Situation in Deutschland, wieso fahren sie nicht in die „Heimat“ zurück?

Den GutachterInnen und HilfeplanerInnen fällt es schwer zu verstehen, dass eine Hilfe für MigrantInnen anders gestaltet werden muss als z.B. eine Hilfe für deutsche Bürger. Dies zeigt sich z.B. darin, dass MigrantInnen ein
ganz persönliches Verhältnis zu ihren BezugsbetreuerInnen aufbauen und dass dieser Kontakt wesentlich intensiver ausfällt.
Auch scheinen die HilfeplanerInnen nicht zu verstehen, dass es den MigrantInnen schwer fällt, ihre Probleme genau zu bennen und daher eher weitschweifig darüber berichten. Dies hängt nicht nur von den sprachlichen Unterschieden zusammen, sondern vor allem mit den kulturellen Unterschieden. Allerdings ist es schwierig, dies den Behörden verständlich zu machen.

Die geringe Kenntnis über sozialkulturelle und religiöse Unterschiede von Klienten mit Migrationshintergrund erschwert es neue Handlungsmöglichkeiten zu finden, bzw. neue Ziele zu setzen.

Vorurteil: „Unter Türken gibt es doch keine Alkohol- und Suchtprobleme!“

9 Menschen mit Migrationshintergrund wollen kein psychiatrisches Gutachten. Sie denken, dass sie durch Behörden als Kranke abgestempelt werden und auch andere Behörden informiert werden wie z.B. Jobcenter, Arbeitgeber etc.

Ein Klient wollte keine ärztliche Untersuchung beim SpD haben, weil sie Angst hatte, dass sie ihr Kind, das vom Jugendamt zum Schutz weggenommen wurde, nicht mehr sehen könnte, Die Klienten mit Migrationshintergrund und ihre Umgebung sind sehr ungeduldig bezüglich der Lösung der allgemeinen Problemen.
Sie erwarten von uns schnelle Lösungen, wenn es nicht klappt, sind sie oft enttäuscht. Die Erwartungen von Klienten soll gut formuliert werden.

Der Betreuer soll mit Klienten mit Migrationshintergrund vor der Hilfeplankonferenz ( 1 Tag vor) treffen bzw. darüber informieren,
damit es in der SpD keine gegenseitigen Missverständnisse gibt.