Leitlinien kultursensible Hilfeplanung/Migration SH


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Leitlinien kultursensible Hilfeplanung/Migration SH

Der Landesarbeitskreis (LAK) Psychiatrie und Migration des Landes Schleswig-Holstein begrüßt die Fortschreibung des Integrationskonzepts von 2002 zum Aktionsplan Integration, der im Herbst 2011 veröffentlicht worden ist.

Im Landesarbeitskreis treten Vertreter/innen von sozialpsychiatrischen Einrichtungen in Schleswig-Holstein seit 2001 für die interkulturelle Öffnung und Entwicklung von kultursensibler Handlungskompetenz im Bereich des psychosozialen Gesundheitswesens ein. Im Jahr 2007 wurden die Leitlinien zur psychiatrischen Versorgung von Migrantinnen und Migranten in Schleswig-Holstein mit Unterstützung des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren veröffentlicht.

Inzwischen ist durch den Nationalen Integrationsplan und die Arbeit am Aktionsplan Integration in Schleswig-Holstein eine Grundlage für Differenzierung in verschiedenen Handlungsfeldern geschaffen worden. Ein vorgesehener Schwerpunkt liegt im Handlungsfeld Gesundheit und Pflege, dem sich die psychiatrischen Einrichtungen und Hilfen zuordnen lassen.

Neben den notwendigen Aktivitäten im Bereich der Interkulturellen Öffnung unserer Einrichtungen sieht der LAK Psychiatrie und Migration einen dringenden Bedarf dass, die kommunale Hilfeplanung im Bereich der Eingliederungshilfe die kultursensible Handlungskompetenz erweitert. Seit der Regionalisierung der Eingliederungshilfe im Jahr 2007 sind die Beratungsstellen der Kreise und kreisfreien Städte für die Erstberatung und Bewilligung der Hilfen zuständig.

Für viele Migrant/innen stellen die notwendigen Erstgespräche und Zielvereinbarungen in den Behörden eine Hürde dar, die auf dem Wege zu notwendigen Hilfen schwer zu überwinden ist und zum Teil Hilfen verhindert. Sie haben einen erschwerten Zugang zu den hiesigen Hilfen, durch kulturspezifische Krankheits- und Bewältigungskonzepte, Sprachbarriere und Erfahrungen mit dem Umgang mit psychisch Erkrankten im Herkunftsland. Sie verfügen oft über ein geringes Wissen über Krankheitsbilder und das deutsche Hilfesystem. Besonders psychosoziale Hilfen nach westeuropäischem Standard sind oft völlig unbekannt, genauso wie personenzentrierte Hilfeplanung.

Wir benennen hier aus der Praxis erhoben die „Stolpersteine“, die es den Migrant/innen erschweren, passende Hilfen zu erhalten:

  • Menschen mit Migrationshintergrund fällt es oftmals schwer, die Schwierigkeiten und Probleme im Hinblick auf die Erkrankung konkret zu benennen — sie haben eine eigene, oft kulturspezifische Sicht.
  • Migrant/innen können oftmals begrenzt bis gar nicht die benötigte Hilfe benennen, die sie mit der Eingliederungshilfe erreichen möchten. Dies hat je nach Zielgruppe unterschiedliche Gründe, z. B. haben Spätaussiedler/innen einen anderen Sozialisationshindergrund.
  • Eingliederungshilfe als Hilfeform ist völlig unbekannt, da derartige Hilfen im Herkunftsland nicht existieren. Viele reagieren deshalb zunächst distanziert, bis die Hilfen anhand von Beispielen konkret gemacht werden.
  • Die Formulierungen, z.B. der Maßnahmen, sind zum Teil nur schwer zu verstehen.
  • Es gibt wiederholte Rückmeldungen, dass der Zugang zu den Hilfen als kompliziert erlebt wird. Es gibt einen langen Vorlauf (Erstberatung, Bedarfserhebung, Zielvereinbarung), bis tatsächliche Hilfe erfahren wird.
  • Es gibt zum Teil Wünsche nach flexibleren Formen des Stundeneinsatzes — z. B. den Einsatz eines festen Stundenkontingents im Monat oder Quartal nach Bedarf.
  • Zum Teil besteht gegenüber Behörden großes Misstrauen aufgrund schlechter Erfahrungen aus dem Heimatland.
  • Die Gruppe der Migrant/innen bringt ein großes Maß an Heterogenität mit, differenziert nach Kultur,  Religion, Aufenthaltsstatus und -dauer, Erfahrungen im Herkunftsland und in Deutschland.
  • Die Einbeziehung sozialer und familiärer Bezüge geschieht häufig nicht im ausreichenden Maße.

Deshalb schlagen wir vor, gezielt für den Bereich der Hilfeplanung in den Kommunen die vorhandenen Leitbilder und Konzepte um Leitlinien für eine kultursensible Hilfeplanung zu ergänzen. Wir lehnen diese an die bereits von uns formulierten Leitlinien im Bereich der Therapie und der psychosozialen Integration an.

  • Die bestehenden Konzepte und Leitbilder für Hilfeplanung werden ergänzt und weiterentwickelt mit einer interkulturellen Orientierung. Die interkulturelle Öffnung ist das gemeinsame Ziel aller kommunalen Hilfeplaneinrichtungen.
  • Alle Prozesse in der Hilfeplanung werden auf Kulturkompetenz überprüft: Gemäß diesen Leitbildern und Konzepten werden in die Leistungsvereinbarungen mit den Leistungserbringern ebenfalls Kriterien für interkulturelle Kompetenz aufgenommen.
  • Es findet eine aktive Personalentwicklung zur Förderung von kulturseniblen und -kompetenten Mitarbeiter/innen statt, durch regelmäßige Fortbildungen im Bereich der interkulturellen Kompetenz, Förderung von Sprachkompetenzen, Einstellung von Personal mit Migrationshintergrund, regelmäßige Supervisions-, Coachings- oder Trainingseinheiten für die laufende Arbeit mit Migrant/innen.
  • Der Zugang zu den Beratungs- und Vermittlungsdiensten der Hilfeplanung ist auch für Migrant/innen niederschwellig organisiert. Die Zugangsbarrieren werden reduziert. Es gibt mehrsprachige Informationsmaterialien. Erstkontakte und Beratungsgespräche können flexibel auf den besondern Hintergrund zugeschnitten werden.
  • Kulturmittler/innen, Multiplikator/innen und Kulturexpert/innen werden in die Hilfeplanung miteinbezogen: die mindestens einmalige Konsultation eines/r Kulturexpert/in ist Pflichtbestandteil bei der kulturspezifischen Anamnese und der Hilfeplanung. Die kulturspezifische Anamnese ist selbstverständlicher Teil der Hilfeplanung.
  • Der Einsatz von Dolmetscher/innen wird bei Bedarf finanziert.
  • Bei Bedarf werden muttersprachliche Hilfeplanformulare eingesetzt.
  • Setting und Gesprächsführungstechniken werden individuell und kulturspezifisch eingesetzt.
  • Die Hilfen werden flexibel auf die kulturspezifischen Bedürfnisse zugeschnitten

Die Angehörigen bzw. soziale Bezugspersonen werden aktiv in die Hilfeplanung miteinbezogen, wenn dies gewünscht wird.